Geistes- und Sozialwissenschaften

Unterdrückung und Befreiung

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Befreiungspädagogik X: Unterdrückung vs. Kritik

 


Kritik wird im Alltagssprachlichen zumeist als etwas sehr unangenehmes empfunden. Denn oft wird sie mit einer negativen Bewertung verbunden. Dabei kann, aber muss Kritik gar nicht wertend sein. Denn von der ursprünglichen Wortbedeutung her ist Kritik erst einmal wertneutral. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Kri¬tik geht auf das griechische kritikē zurück und bedeutet `unterscheiden`.

 


Das Wesen der Kritik

 


Kritik bedeutet das Hinterfragen und differenzieren von Fakten. Wenn wir also irgendwas auf der Welt nehmen und es zum Gegenstand einer kritischen Betrachtung machen, dann denken wir darüber nach, ob es auch anders sein könnte. Kritik betrachtet die Wirklichkeit zuerst einmal wertneutral und träumt davon, dass die Wirklichkeit auch anders sein könnte. Kritik sucht nach alternativen Gestaltungsmöglichkeiten zur bestehenden Wirklichkeit. Kritik zählt Möglichkeiten auf und sucht nach einer realistischen Option der Veränderung. Kritik schafft Wissen und ist der Beginn jeder Veränderung.

 


Die Interessen der Unterdrücker

 


Unterdrückung aber mag keine Kritik. Denn eventuell stellen Menschen fest, dass sie mit der gegenwärtigen Situation unzufrieden sind. Unterdrücker haben jedoch kein Interesse daran, dass eine unterdrückerische Wirklichkeit geändert wird. Sie sind die Priviligierten und entweder es ist ihnen egal oder sie wollen sogar, dass andere benachteiligt sind. Deshalb versuchen Unterdrücker alles daran zu setzen, eine unterdrückerische Wirklichkeit zu erhalten. Deshalb ist Kritik unerwünscht. Die Unterdrückten sollen nichts von einer alternativen Wirklichkeitsgestaltung wissen, ja noch nicht mal davon träumen. Unterdrücker verweigern einen Dialog und sind damit zutiefst antidemokratisch. Unterdrücker akzeptieren keine Fakten von anderen. Denn es ist ihr Ziel, eigene Fakten zu schaffen, denen sie alle anderen unterordnen. Das ist das Wesen der Unterdrückung, gleichzeitig Wirklichkeit und Menschen zum Objekt der eigenen unterdrückerischen Aktion zu machen.

 


Zensur der Kritik

 


Entsprechend setzen Unterdrücker alles daran, Kritik zu diffamieren. Wer Kritik an unterdrückerischen Zuständen anbringt, wird nicht ernst genommen und für unzurechnungsfähig erklärt. Dem Kritiker wird ein Teil seiner Menschlichkeit, nämlich seine menschliche Gestaltungsfähigkeit aberkannt. Auf diese Weise soll eine diskriminierende Wirklichkeit verschleiert werden. Unterdrücker betonen entweder, dass wir schon in der Besten aller Welten leben würden, dass die Benachteiligten eh nichts ändern könnten oder das die Unterdrückten selbst Schuld sind an der bestehenden Chancenungleichheit. Die strukturellen Zusammenhänge und die Komplexität der historischen Entwicklung wird so geleugnet. Die Probleme der Ungerechtigkeit werden auf Nichtigkeiten reduziert (bspw. "Alles nur Neid") und eine vertiefte Auseinandersetzung verweigert.
Auch beliebt ist es zu behaupten, Kritik dürfe nur derjenige anbringen, der auch gleich eine Lösung präsentiert. Ziel dieser Kritikzensur ist es immer, von den eigentlichen Problemen abzulenken und sich nicht ernsthaft mit Veränderungen beschäftigen zu müssen. Der Kritik soll so ihrer Kraft beraubt werden. Denn die Zensoren wissen ganz genau, dass Kritik der erste Schritt zur Befreiung von Unterdrückung ist. Selbst ohne Lösungsvorschlag; Kritik ist der erste Schritt zur Veränderung.

 


Die Macht der Kritik

 


Es ist nicht das Wesen der Kritik für oder gegen eine Sache zu sein. Parteinahme machen erst wir Menschen, indem wir interpretieren (uns auf eine oder mehrere Deutung festlegen) und werten, indem wir als Sender oder Empfänger der Botschaft der Kritik eine Wertung zuschreiben, verstärkt durch Wortwahl, Tonfall oder Mimik/Gestik.
Kritik ist deshalb so mächtig, weil sie ungenutzte Möglichkeiten aufzeigt und auch die Motivation genutzter Möglichkeiten hinterfragt. So kann Kritik Missstände benennen und eine andere Gestaltung von Welt ermöglichen.
Deshalb darf sich Kritik auch keinen Zuschreibungen unterwerfen, das würde ihr nur die Macht nehmen, wenn sie nur noch unter bestimmten und gewollten Umständen unterscheiden darf. Kritik muss nicht abwertend, nützlich oder konstruktiv sein, sie kann aber wertschätzend angebracht werden, so dass die Menschen nicht in ihrer Person oder in ihrer Nutzung von Möglichkeiten abgewertet werden. Aber auch hier gilt: Es gibt keinen Wertschätzungszwang. Um Missstände anzuprangern muss Kritik manchmal scharf formuliert werden.

 


Der Opfermythos: Wenn sich Unterdrücker als Unterdrückte ausgeben

 


Nun kommt es auch vor, dass Menschen Kritik übern, die sich als die Unterdrückten stilisieren, obwohl sie es in Wirklichkeit sind, die andere unterdrücken wollen. Diese stilisierte Opferhaltung ist ein beliebtes Mittel, um damit antidemokratische Tendenzen zu rechtfertigen. Doch wie kann man diese taktischen Manöver von wirklicher Unterdrückung unterscheiden?
Dazu gibt es einige Hinweise. Wer andere unterdrücken möchte, der strebt nach Privilegien, d.h. nach einem mehr an Möglichkeiten im Leben, die er anderen Menschen gleichzeitig verweigert. Unterdrückung sucht dementsprechend nicht den Ausgleich der Interessen, möchte nicht die Gleichberechtigung und Befreiung aller, sondern will herrschen, möchte mehr als er anderen zugesteht. Wer Unterdrückung im Sinn hat, verweigert einen ernsthaften Dialog und eine kritische Auseinandersetzung, mit der eine unterdrückerische Wirklichkeit vertieft untersucht werden kann, um die größeren Zusammenhänge zu erkennen.
In der Konsequenz ist auch die Kritik der Kritik unabdingbar, damit vermeintliche Befreiung nicht zur neuen Unterdrückung wird. Erst das Werkzeug der Kritik ermöglicht es, durch hinterfragen vertieftes Wissen zu schaffen. Faschisten nutzen Kritik, um über andere zu herrschen; Demokraten nutzen Kritik zur Ermöglichung von Menschlichkeit.


 


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Befreiungspädagogik IX: Unterdrückung in der Etikettierungs-Perspektive

 

Was ist die Etikettierungsperspektive?

 

Die Etikettierungs-Perspektive ist eine Reflexionstechnik einer kritischen Pädagogik, welche sowohl der Dekonstruktion sozialer Wirklichkeiten, als auch der Kritik an bestehenden Machtverhältnissen dient. Mit der Frage: `Wer sagt was über wen zu welchem Zweck? (und ggf. mit welchen Folgen?)` lässt sich Verdinglichung durch die Herstellung von `Zwangs-Identitäten` als Herrschaftsform analysieren.

 

Der öster­reichische Soziologe Heinz Steinert beschrieb den Zweck der Etikettierungsperspek­tive so: „Merkmale und Eigenschaften, die an Menschen und ihren Handlungen „festgestellt“ werden, sind tatsächlich Abstraktionen zu einem bestimmten Zweck und daher auch Zuschreibungen“[3] Historisch-Gesellschaftlich wird in Diskursen ein bestimmtes Vokabular zur Kategorisierung von Menschen produziert, das sich mit der Sozialstruktur verändert. Die Anwendbarkeit dieser Kategorien auf konkrete Menschen variiert wiederum mit ihrer Position in der sozialen Struktur. Dieses Vo­kabular und dessen Anwendung sind grundsätzlich umstritten und deshalb durchset­zungs- und legitimationsbedürftig. Es wird Menschen als Etikett zugeschrieben und es entsteht, was Adorno `Identitätszwang` nennt. Starre Identitäten werden als gesell­schaftliches Konstrukt geschaffen und sorgen dafür, dass Menschen einheitliche und identifizierbare Personen werden und bleiben. Mit diesen Identitätskonstruktionen sind in der Regel gesellschaftliche Privilegien oder Benachteiligungen verbunden.[4]

 

 

Was meint der Begriff  'Etiketten'

 

Mit `Etiketten` sind sprachliche Äußerungen gemeint, die dazu benutzt werden, die Identität von Menschen zu beschreiben und festzulegen (Ähnlich wie die Etiketten in einem Supermarkt, die den Namen und Preis einer Ware auszeichnen). Dadurch werden starre Identitäten erzeugt, anhand derer eine Bewertung vorgenommen wer­den kann, ob etwas als `normal`, als `gut` oder als `schlecht angesehen wird. Diskriminierung entsteht dann dadurch, wenn zugeschriebene und/oder existierende Merkmale von Men­schen mit Eigenschaften versehen werden und dieses Konstrukt wiederum bewertet wird.

 

Der Mensch als Subjekt wird so durch Etikettierung verdinglicht, indem er zum Objekt von Normalitätserwartungen anderer Menschen degradiert wird. Durch Bezugnahme auf diese Normalitätsvorstellungen lassen sich Ordnungsverhältnisse begründen, die mithilfe von Regeln durchgesetzt werden. Die Abweichung vom Etikett `normal` wird mit Nachteilen sanktioniert. Außerdem wird die Abweichung noch zur Ätiologie, das heißt, zur `natürlichen` Ursache der Sanktionierung erklärt. Verantwortlich seien nicht die im Diskurs entstandenen Herrschaftsverhältnisse, sondern alleine diejenigen Personen, welche von den herrschenden Regeln abweichen. Dieses historisch prä­formierte Konstrukt wird somit zu einer sozialen Wirklichkeit von Menschen, mit ganz realen Auswirkungen wie Ausgrenzung, Benachteiligung und Chancenungleichheit.

 

 

Historische Präformation

 

Was meint die Bezeichnung historisch-präformiert? Der Mensch existiert in der Welt. Diese Welt hat er benannt. Das heißt, er hat den Dingen und Phänomenen ei­nen Namen zugeschrieben, ein Vokabular und eine Sprache produziert, um die Welt zu kategorisieren, zu formen und mit anderen Menschen darüber zu kommunizieren. Der Mensch als dialektisches Wesen drückt seine Beziehung zur Welt aus und kon­struiert so seine gedankliche und sprachliche Wirklichkeit. Worte wurden zur Be­schreibung unserer Wirklichkeit geschaffen und erschaffen gleichzeitig Wirklichkeit, wenn wir unser Verständnis von Welt neu benennen. Dieses Vokabular ist historisch gewachsen, hat sich im Laufe der Geschichte der Menschheit geändert und verändert sich auch heute immer wieder.

 

Bezeichnungen, die Menschen zur Ordnung der Welt entwickelt haben, entsprechen dem Anbringen von (sprachlichen) `Etiketten`. Ein Etikett besitzt ein Hauptmerkmal, welches dazu dient, es von anderen zu unterscheiden. Außerdem können von diesem Etikett beliebig viele Nebenmerkmale (Eigenschaften) erwartet werden.

 

Ein Beispiel dafür: Von jemandem der deutsch ist, wird in der Regel das Hauptmerkmal der deut­schen Staatsangehörigkeit erwartet. Statistisch gesehen haben deutsche Bürger in der Mehrheit eine helle Hautfarbe, sind Mitglied einer christlichen Konfession und gehen einer Erwerbstätigkeit nach. Dies könnten Beispiele für zu erwartende Nebenmerk­male sein. Daraus könnte jetzt eine Gruppe von Personen den Zusammenhang her­stellen, dass, wer `deutsch` ist, auch diese Nebenmerkmale erfüllen müsse. Wird die­ser Zusammenhang nicht kritisch hinterfragt, entsteht aus dem Alltagswissen heraus die Meinung, man könne von `typischen Deutschen` bestimmte Eigenschaften er­warten. In diesem Beispiel sind die Erwartungen durch die historische Bedingung entstanden, dass eine Gruppe das Wort `deutsch` mit den statistisch am häufigsten auftretenden Nebenmerkmalen verknüpft hat. Dabei ist zu beachten, dass jeder Mensch seine eigenen Kriterien für Haupt- und Nebenmerkmale entwickeln kann, in diesem Fall von dem, was `typisch deutsch` sei. Wird nun jemandem das Etikett `deutsch` zugeschrieben, symbolisiert das zunächst eine Zugehörigkeit, welche die Person von anderen unterscheiden soll. Weicht nun ein Merkmal einer Person von den zugeschriebenen, angeblich zu erwartenden Merkmalen dieser Etikette ab, steht die Person im Verdacht, gar nicht dazu zu gehören. Hat sie bspw. eine `dunkle Haut­farbe`, erfüllt sie eine der angeblich zu erwartenden Nebenmerkmale nicht. Ob die Person einen deutschen Pass hat ist ihr nicht anzusehen. Was man der Person aber ansieht ist, dass sie das angeblich `typische Merkmal` der `hellen Hautfarbe` nicht erfüllt. Dies steigert die Wahrscheinlichkeit, dass die Person gefragt wird, ob sie denn überhaupt `deutsch` ist? Das Hauptmerkmal, einen deutschen Pass zu haben, beschützt die Person mit dem Nebenmerkmal `dunkle Hautfarbe´ in dieser Situation nicht davor, anders behandelt zu werden, als würde sie die angeblichen Bedingungen für `typisch deutsch` erfüllen.

 

Nehmen wir außerdem noch an, die Person mit `dunkler Hautfarbe` ist arbeitslos und bekommt Sozialleistungen vom deutschen Staat. Damit erfüllt die Person ein weite­res zu erwartendes Nebenmerkmal nicht. Dies wird von der Gruppe, die bestimmte Erwartungen an das Etikett `deutsch` hat als `schlecht` befunden, unterliegt also ei­ner Bewertung. Denn `arbeitslos` ist ein weiteres Etikett, das für die Gruppe in unse­rem Beispiel mit anderen Nebenmerkmalen wie `faul` oder `liegt dem Staat nur auf der Tasche rum` verbunden ist, was wiederum von dieser Gruppe als eine negative Eigenschaft von Menschen empfunden wird. In der Etikettierungs-Perspektive liest sich dieses Beispiel wie folgt: Eine Gruppe, die für sich definiert hat, was `typisch deutsch` ist (Wer), sagt über die Person mit der `dunklen Hautfarbe` (Wen), dass sie nur nach Deutschland gekommen sei um Geld vom Sozialstaat zu bekommen (Was), um zu zeigen, dass die Person nach Vorstellungen dieser Gruppe keine `typische deutsche` sei (Zweck).

 

 

Abweichung und Regeln

 

Durch Etiketten und die angeblich zu erwartenden Merkmale wurden in diesem Bei­spiel also Regeln aufgestellt, von dem was angeblich `typisch deutsch` sei oder das `Arbeitslosigkeit` grundsätzlich schlecht sei. Laut dem US-amerikanischen Soziolo­gen und Kriminologen Howard S. Becker stellen alle gesellschaftlichen Gruppen Regeln auf und versuchen, diese zu gewissen Zeiten unter gewissen Umständen durchzusetzen. Regeln können sowohl bewusst, als auch unbewusst aufgestellt oder übernommen werden. Sie können informell zwischen Menschen aufgestellt werden oder formell als Gesetze existieren, können durchgesetzt werden oder eben auch nicht. Regeln definieren Situationen, in denen von Menschen angemessene Merk­male oder Verhaltensweisen erwartet werden. Wird eine Regel durchgesetzt, kann ein Mensch, der in dem Verdacht steht, von dieser Regel abzuweichen, als ein be­sonderer Mensch angesehen werden, als eine Person, die keine Gewähr dafür bieten kann, dass sie nach den Regeln lebt, auf die sich die Gruppe geeinigt hat.

 

Die im an­gebrachten Beispiel aufgestellte informelle Regel wäre: `Deutsch ist, wer die deut­sche Staatsangehörigkeit besitzt, helle Hautfarbe hat, einer christlichen Konfession angehört und einer Erwerbstätigkeit nachgeht`. Im Beispiel hat die Person mit `dunkler Hautfarbe` diese Regeln verletzt und könnte dadurch als Außenseiter mit abweichendem Verhalten angesehen werden. Auch die Tatsache, dass die Person an ihrer Situation gerade nichts ändern kann, weder ihre Situation der Arbeitslosigkeit und schon gar nicht das körperliche Merkmal ihrer Hautfarbe, schützt sie in dieser Situation nicht. Es wäre aber auch der umgekehrte Fall denkbar, also dass die Person, die als Abweichler angesehen wird, die Regeln nicht akzeptiert und im Gegenzug diejenigen als Außenseiter betrachtet, welche diese Regeln aufgestellt haben.[5]

 

Am Beispiel wird deutlich, dass Abweichung nichts ist, das natürlich oder gegeben wäre, sondern ein menschliches Konstrukt ist. Dazu schreibt Becker: „Ich meine vielmehr, dass gesellschaftliche Gruppen abweichendes Verhalten dadurch schaffen, dass sie Regeln aufstellen, deren Verletzung abweichendes Verhalten konstituiert, und dass sie diese Regeln auf bestimmte Menschen anwenden, die sie zu Außensei­tern abstempeln“[6]. So gesehen ist abweichendes Verhalten keine Qualität, die in der Handlung einer Person selbst liegt, sondern eine Konsequenz der Anwendung von Regeln durch andere. Abweichung ist also kein Merkmal einer Person, sondern eine Zuschreibung. Abweichendes Verhalten ist  nur das, was als abweichend bezeichnet wird. Ob eine Handlung abweichend ist hängt davon ab, wie andere Men­schen auf diese Handlung reagieren[7]

 

Auf der einen Seite dienen Etiketten dazu, Identitäten zu erzeugen, etwas erkennbar zu machen und darüber kommunizieren zu können. Auf der anderen Seite kann durch das Erstellen von Regeln aber auch Diskriminierung erzeugt werden. Dies ist eben dann der Fall, wenn bestimmte Merkmale mit bestimmten Eigenschaften verbunden werden. Wenn dieses Konstrukt dann auch noch bewertet wird, entsteht Diskriminie­rung. Nur indem Regeln für Identitäten festgelegt werden, was als `gut` oder `schlecht` gilt, kann eine Bewertung erfolgen. Festgelegte Identitäten können ideali­siert werden, das heißt, Individuen oder eine Gruppe legen Regeln fest, welche Merkmale in Verbindung mit welchen Eigenschaften als Ideal anerkannt werden. Wer nach diesen Vorgaben als abweichend gilt steht im Verdacht, nicht diesen Idea­len zu entsprechen. Umgekehrt kann eine festgelegte Identität auch dämonisiert wer­den, das heißt, dass bestimmte Merkmale in Verbindung mit bestimmten Eigen­schaften als vermeidenswert angesehen werden.

 

Anhand solcher `Stigmatisierungen` werden nicht nur Bewertungen über Menschen getroffen, sondern wird auch ganz konkret der Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe an Ressourcen reguliert. Die Etikettierungs-Perspektive hilft dabei, diese Regeln sichtbar zu machen und dabei die Verdinglichung von Menschen zu erkennen. Anschließend ist es möglich, an der Befreiung von unterdrückerischen Regeln zu arbeiten.

 

 

 

 

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[3] und [4]

Steinert, Heinz (1985): Die Aktualität der Etikettierungs-Theorie. In: Kriminologisches Journal, 17.Jg., Heft 17, S. 29-43.


[5] und [6] und [7]

Becker, Howard S. (1981): Außenseiter. Zur Soziologie abweichenden Verhaltens. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag (S.1-12).

 

 

 


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Befreiungspädagogik VIII: Zwangsidentität vs. Identitätsentwicklung

 

Was ist Identität?

 

Für den Identitätsbegriff gibt es keine einheitliche Definition. Grundsätzlich geht es um die Einheit und Unverwechselbarkeit des Individuums oder einer Gruppe. Das Individuum oder die Gruppe zeichnen sich durch bestimmte Merkmale aus, an­hand derer sie sich beschreiben lassen oder sich selbst beschreiben. Bei der Frage nach der Identität geht es auch immer um die Frage nach der eigenen Rolle innerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse. Dadurch, dass sich Gesellschaften verändern, werden Menschen vor immer neue Herausforderungen gestellt, welche sie das eigene Rol­lenverständnis und damit die eigene Identität hinterfragen lassen. Identität ist letzt­endlich nie abgeschlossen, sondern befindet sich ein Leben lang in Entwicklung.

 

Der Soziologe Heinz Abels hat sich mit dem Thema Identität intensiv beschäftigt und kommt zu folgender Annäherung: „Identität ist das Bewusstsein, ein unverwech­selbares Individuum mit einer eigenen Lebensgeschichte zu sein, in seinem Handeln eine gewisse Konsequenz zu zeigen und in der Auseinandersetzung mit anderen eine Balance zwischen individuellen Ansprüchen und sozialen Erwartungen gefunden zu haben“ (Abels 2006, S.254). Anschließend umschreibt Abels, was er unter Identität versteht. Dazu be­ginnt er bei den Individualisierungsprozessen in modernen Gesellschaften und spricht dabei von einer doppelten Freiheit. Die eine ist die `Freiheit zur Individuali­tät`, die andere die `Freiheit von einem einheitlichen gesellschaftlichen Orientie­rungsrahmen`. Das Individuum ist in unserer Moderne vor eine Fülle von scheinbar gleichwertigen Optionen gestellt. Weder sind Entscheidungskriterien als Orientie­rung leicht zu finden, noch sind die Entscheidungen durch gesellschaftliche Ord­nungs- und Wertevorstellungen wirklich freigestellt. Das Individuum wird aufgefor­dert auf eigenen Füßen zu stehen, selbst seine Entscheidungen zu treffen, zu verant­worten und seine Einzigartigkeit zu zeigen. Gleichzeitig lösen sich durch die Plurali­sierung unserer Gesellschaft feste Bindungen und Orientierungen auf und das Indivi­duum ist in Fragen der eigenen Lebensgestaltung auf sich alleine gestellt. Bei vielen Entscheidungen gibt es deshalb gute Gründe, sie auch anders zu treffen. Der Mensch hilft sich, indem er sich nie ganz und schon gar nicht für immer festlegt, auch nicht in Fragen der Identität. Trotz all dem ist Abels der Meinung, dass sich Identität tat­sächlich gewinnen lässt (vgl. Abels S.241).

 

 

Fünf Fragen zur Entwicklung der Identität

 

Wer heute behauptet seine Identität wirklich gefunden zu haben, der muss sich fra­gen lassen, ob er nicht einfach sich selbst nur etwas vormacht. Wer sich selbst fragt wer er ist, der findet meist keine wirklich zufriedenstellende Antwort und was er fin­det wird von außen auch immer wieder in Frage gestellt. Dazu führt Abels ein Zitat von Erik H. Erikson an, auf dessen Identitätstheorien viele der heutigen Diskurse um Identität aufbauen: „Eine dauernde Sorge um seine Identität führt entweder zum Prahlen oder zum Klagen; man prahlt damit, dass man genau weiß, wer man ist (…), oder man beklagt sich darüber, dass man nicht weiß, wer man ist.“ Abels verweist darauf, dass der lateinische Ursprung des Wortes Identität von `idem` kommt, was so viel heißt wie „derselbe“ oder „dasselbe“. Dies erweckt den Eindruck einer gewissen Starre, als könnte man nur von Identität sprechen, wenn sich jemand in seinen Prin­zipien konsequent treu ist und sich die Person als Individuum nicht verändert. Es ist jedoch kritisch zu hinterfragen, ob es eine solche konstante Identität überhaupt geben kann. Vielmehr sieht Abels Identität als, sich je nach Lebensphase verändernde, Antworten auf die vier Fragen, `Wie bin ich geworden, wer ich bin? `, `Wer will ich sein? `, `Was tue ich? ` und `Wie sehen mich die anderen? `(vgl. Abels, S.243-245).

 

Die Frage `Wie bin ich geworden, wer ich bin? ` ist verknüpft mit der Frage nach der eigenen Biographie. Ist unsere Vergangenheit wirklich Vergangenheit, in unserem Kopf immer gleich und können wir deshalb auch nichts mehr daran ändern? Zwei­felhaft, denn die Erinnerungen, wer wir in welchen Situationen waren, was wir erfah­ren und wie wir gehandelt haben, sind nicht vollständig und auch nicht eindeutig. Das Wissen um die eigene Biographie und die daraus entstandenen Strukturen des eigenen Denkens und Handelns stehen nicht fest, sondern wandeln sich. Durch neue Erfahrungen finden wir auch neue Erklärungen, warum wir damals in einer be­stimmten Weise gehandelt haben. So erinnern wir uns nur an das, was unser aktuelles Bild von uns auch bestätigt. Das Individuum lebt in sozialer und symbolischer Wechselwirkung mit vielen, wechselnden Anderen in einer Beziehung, dazu noch in einer dynamischen, komplexen Welt. Einerseits ist es also naheliegend, dass so etwas wie eine feste Identität mit starren Prinzipien gar nicht existiert, anderseits heißt das allerdings nicht, dass es keine konstanten Muster unseres Denkens und Handelns gibt. Abels schreibt dazu: „Aber wir sollten das Muster unseres Denkens und Han­delns immer in dem Bewusstsein identifizieren, dass wir die Verbindung zwischen unserer Vergangenheit und einer möglichen Zukunft selbst herstellen. Um diese in Angriff zu nehmen, muss sich jene gefallen lassen, dass wir früheres Handeln wie nichthandeln, Ereignisse und ausgebliebene Erfahrungen neu bewerten und dass wir uns in einem neuen Licht sehen. Wenn wir die Zukunft als Chance denken wollen, müssen wir gegebenenfalls einen neuen Anlauf aus unserer Biographie nehmen!“(Abels, 245-246.) Identität heißt also, einen Rückblick auf unsere eigene Biographie zu wagen und den Mut aufzubringen, diese unserer aktuellen Situation entsprechend neu zu bewerten.

 

Die zweite Frage `Wer will ich sein? ` zielt auf das Bild von uns selbst in einer Zu­kunft, die wir selbst für möglich halten. Identität ist immer auch ein neuer Entwurf unserer Vorstellungen von Zukunft. Auf diese Zukunft hin bedenken und bewerten wir unsere Vergangenheit möglicherweise neu. Wir werden dabei vielleicht nicht alle Niederlagen unserer Vergangenheit vergessen, aber vielleicht neue Aspekte von Mut oder Selbstbewusstsein in unseren Erinnerungen entdecken. Identität hat also auch immer etwas mit dem Wissen um die eigene Biographie zu tun. Sowohl das Be­wusstsein über unsere eigene Vergangenheit, als auch über eine angezielte Zukunft sind ein Konstrukt. Dieses Konstrukt ist sehr eng mit unseren Lebenszielen verbun­den und diese Ziele können sich jederzeit ändern. Mal sind diese Ziele sehr konkret und mal sind sie sehr verschwommen. Identität ist also auch das Bewusstsein, wer wir aufgrund unserer Biographie sind und zugleich Entwurf einer möglichen Zukunft für uns selbst (vgl. Abels, S.246-247).

 

Zur Frage `Was tue ich? ` verweist Abels auf ein Zitat von Helga Bilden: „Ich bin viele“. Einiges von dem, was wir tun, machen wir nicht immer freiwillig. Da wir nicht allein auf der Welt sind, müssen wir auch einiges tun und sein, wozu unsere Kultur uns sozialisiert und was andere von uns erwarten. Wir spielen im Laufe unse­res Lebens viele `soziale Rollen`, die sich zum Teil widersprechen, denen wir aber nicht entkommen können. Wer wir sind, müssen wir immer wieder situationsspezi­fisch beantworten. Identität heißt also auch, durch all diese Rollen ein Muster zu er­kennen, das für uns Sinn macht und möglichst mit unserem aktuellen Bild von uns selbst kongruent geht (vgl. Abels, S.248).

 

Die vierte Frage `Wie sehen mich die anderen? ` würden wir manchmal gerne mit: „Ist mir völlig egal“ beantworten. Doch leider sind wir mindestens unterbewusst da­rauf bedacht, vor anderen einen ganz bestimmten Eindruck zu erwecken. Außerdem orientieren wir uns in unserem Handeln und Denken an den Menschen, die uns wichtig sind. Da Menschen soziale Wesen sind, orientieren sie sich aneinander. Identität ist das Bewusstsein über das Bild, das andere von uns haben. Abels verweist aber darauf, dass auch dieses Bild nicht klar ist. Erstens können wir uns etwas vor­machen, wie andere uns sehen. Zweitens vermitteln wir vor unterschiedlichen Perso­nen auch unterschiedliche Eindrücke von uns. Drittens passen wir die Bilder, die andere von uns haben, an das an, was wir aktuell sein wollen. Das Bild, welches wir als Individuum von uns selbst haben und das Bild, welches andere von uns haben bleibt unklar. Im Hinblick auf Interaktion mit anderen heißt Identität, dass wir uns als Individuum unserer Einzigartigkeit und Normalität zugleich bewusst sind und dass wir auch beides zeigen (vgl. Abels, S. 248-249).

 

Nach all diesen Überlegungen kommt Heinz Abels zu dem Schluss, dass man nicht allgemein von der Identität sprechen kann, sondern immer nur von einer Identität, wie sie zu der aktuellen Situation passt. Identität bewegt sich folglich auf der Suche nach der eigenen Balance immer in dem Spannungsfeld, gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen oder doch lieber dem eigenen Begehren nachzugehen. Identität ist auf der einen Seite etwas Kontinuierliches, das eine Person unter allen Umständen un­verwechselbar macht (Personale-Identität), auf der anderen Seite aber auch immer wieder neu erschaffen wird (Persönlichkeits-Identität). Wäh­rend unser unverwechselbares Ich konstant bleibt, ändert sich unser Selbstbild konti­nuierlich, welches wir mit diesem Ich verbinden. Zwischen der eigenen Biographie und dem Zeitpunkt des Nachdenkens über die eigene Biographie, dem aktuellen Tun und der Zukunft einen sinnvollen Zusammenhang herzustellen, ist ein unverzichtba­res Ziel der bewussten Identitätsarbeit (vgl. Abels, S.434).

 

 

Zwang und Freiheit von Identität

Der Begriff Identitätszwang wurde von Theodor W. Adorno geprägt. Identitätszwang bedeutet, dass die Identität des Menschen gesellschaftlich geformt wird. Wir alle müssen in bestimmten Situationen, bestimmte Rollen annehmen. Dies ist eine soziale Wirklichkeit, der sich niemand entziehen kann. Unterdrückung nutzt den Zwang zur Identität, um Menschen eine Zwangsidentität aufzudrücken. Unterdrücker propagandieren und privilegieren bestimmte Identitätsmerkmale, die mit speziellen Lebensweisen verknüpft sind. Andere Identitätsmerkmale hingegen werden dämonisiert und benachteiligt. Auf diese Weise werden Machtverhältnisse geschaffen. Diese Machtverhältnisse helfen den Unterdrückern, die Entwicklung unerwünschter Identitäten unter Druck zurückzuhalten. Den Menschen wird so die Entwicklung der eigenen Identität aus der Hand genommen. Unterdrücker wollen bestimmen, was sein darf und was nicht sein darf. Aus "Ich bin" , "Ich kann", " Ich werde" wird "du bist", " du kannst" und "du wirst". Die Identität unterdrückter Menschen soll quasi `eingefroren` werden. Menschen werden von Unterdrückern in dem Glauben gelassen, dass sie an ihrer Identität nichts ändern können.

 

Auf der einen Seite gibt es den Identitätszwang, auf der anderen Seite darf der Mensch seine Identität aber auch selbst formen. Sich also nicht auf eine letzt­gültige Identität festlegen lassen zu müssen, sondern seine Identität entwickeln zu dürfen ist ein Aspekt der Menschlichkeit des Menschen. Deshalb muss es immer das Ziel von Befreiung sein, dem Menschen die Entwicklung seiner Identität selbst in die Hand zu geben. Auch Identitätsentwicklung ist dialektisch. Auf der einen Seite darf der Mensch sein wie er ist, auf der anderen Seite hat er auch das Recht, sich zu verändern.

 

 

Literatur: Abels, Heinz (2006): Identität. Über die Entstehung des Gedankens, dass der Mensch ein Individuum ist, den nicht leicht zu verwirklichenden Anspruch auf Individualität und die Tatsache, dass Identität in Zeiten der Individualisierung von der Hand in den Mund lebt. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften (1. Auflage).


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Befreiungspädagogik VII


Unterdrückung vs Wahrnehmung



Unterdrückung geschieht nicht einfach nur irgendwie immateriell. Sie geschieht nicht auf mystische Weise in einem luftleeren Raum. Unterdrückung hat ganz reale Auswirkungen auf unser materielles sein. Unser Körper wird von Unterdrückung förmlich deformiert. Schwere körperliche Arbeit führt beispielsweise zu einem krummen Rücken. Unterdrückung wirkt sich erstarrend auf die Muskulatur aus und formt so die Leiblichkeit eines Menschen.

 

 

Zu unserer Leiblichkeit gehört auch unser Gehirn, dem Sitz unserer Wahrnehmung und unserer Gedanken ( und von so ziemlich allem was den Körper betrifft). Auch hier beschränkt Unterdrückung die Wahrnehmung unserer Wirklichkeit.

 

 

Wie funktioniert Wahrnehmung? Die Neurowissenschaften können mittlerweile nachweisen, dass sich unser Gehirn nicht einfach nur die äußere Welt aneignet. Vielmehr konstruiert unser Hirn durch unsere Wahrnehmung erst unsere Wirklichkeit. Der einzelne Mensch (als Subjekt und Objekt zugleich) steht in einer Wechselwirkung mit der Welt. Durch die Sinne (fühlen, sehen, riechen, schmecken , hören) nimmt der Mensch die äußere Welt auf und konstruiert sie gleichzeitig. Wir nehmen die äußere Welt nicht einfach nur auf und projizieren sie von unserem Gehirn berarbeitet auf die Welt zurück. Nein, denn was wir in unserem inneren (bewusst oder unbewusst) entwickeln und nach außen projizieren, nur das nehmen wir auch gleichzeitig wahr.

 

 

Um das zu verdeutlichen schauen wir uns mal einen profanen Baum an. Unser Gehirn selektiert hier. Jeder wird hier auf den ersten Blick anderes wahrnehmen, denn der selbe Gegenstand kann von Menschen sehr unterschiedlich gesehen und gedeutet werden. Was nehme ich als erstes wahr? Ist es die Art des Holzes oder die Art der Blätter oder doch zuerst die Farbe der Blätter? Vielleicht achte ich auch als erstes auf die Höhe des Baumes oder ich nehme doch zuerst die Wurzeln wahr oder die Tiere in den Ästen. Manche Dinge nehme ich ohne die Hilfe von anderen vielleicht überhaupt nicht wahr. (Z.B. ob da etwas in das Holz eingeritzt ist?). Weiß ich denn wie die Baumart heißt? Habe ich Erinnerungen an so einen Baum, weil ich z.B. als Kind beim Klettern mal von so einem Baum gefallen bin. Oder ruft der Duft des Baumes irgendwelche Assoziationen wach?
Welche dieser Wahrnehmungen waren als erstes da? Welche hatten wir überhaupt nicht? Mit welchen Worten würden wir so einen Baum beschreiben? Sicher würde jeder andere Worte wählen. Oder gehen wir einfach achtlos an dem Baum vorbei und nehmen wir ihn gar nicht wahr? In diesem Fall wissen wir nicht mal von seiner Existenz. Wer hat schon bei dem Wort Baum ein Bild vor Augen gehabt und war es ein Laubbaum oder ein Nadelbaum?


Wir leben zwar in der selben Welt, aber jeder kann sie nur anders wahrnehmen und konstruiert damit seine eigene Wirklichkeit. Obwohl wir also alle in derselben Welt wohnen, lebt jeder in seiner eigenen Wirklichkeit.

 

 

Es ist nicht einfach so, dass wir einen Gegenstand einfach nur aufnehmen, wir assoziieren etwas mit dem Gegenstand. Mittlerweile ist nachgewiesen, dass bevor wir uns überhaupt Gedanken zu einem Gegenstand machen können, unsere Gefühle schon aktiv sind! Das heißt, wenn wir einen Gegenstand wahrnehmen, setzt sofort eine Kette von Empfindungen, Emotionen, Erinnerungen, Gedanken, Deutungen und Wertungen ein.

 

 

Unterdrückung setzt schon an unserer Wahrnehmung an. Unterdrückung versucht die Synapsen in unserem Gehirn so zu schalten, dass wir eine unterdrückerische Wirklichkeit als unabänderbar wahrnehmen, dass wir gar nicht mehr auf die Idee kommen darüber nachzudenken, dass die Welt auch ganz anders sein könnte: "Die Welt ist halt so, das ist zu groß für dich und du kannst eh nichts ändern". All unsere Wahrnehmung, Gefühle und Gedanken sollen durch Unterdrückung auf Resignation ausgerichtet werden, darauf unsere Gestaltungskraft im Sinne der Unterdrücker einzugrenzen. Und Unterdrückung will uns weis machen, dass diese unterdrückerische Wirklichkeit die Beste und einzig wahre ist: "Wir werden den Baum abholzen, dass ist das Beste für die Wirtschaft, damit auch für alle Menschen, wer das nicht so sieht ist dumm und du kannst sowieso nichts dagegen tun". Unterdrückung will uns so in Grenzsituationen bringen, in denen wir nicht mehr weiter wissen. Dass es alternative Möglichkeiten der Wirklichkeitsgestaltung gibt oder Wege, den Baum zu schützen wird Unterdrückung bestreiten und verschweigen.

 

 


Gegen Unterdrückung hilft nur ein Bewusstsein dafür, dass Wirklichkeit nicht unveränderlich ist, sondern auch anders gestaltet werden kann. Dafür ist das Wissen nützlich, dass Unterdrückung schon an unserer Wahrnehmung ansetzt. Das Unterdrücker versuchen, die Bilder und Gedanken in unserem Kopf zu beherrschen, dass sie schon versuchen, unser eigenes Gehirn in ihrem Sinne zu formen. Wichtig ist ein Bewusstsein dafür, dass unser Weltbild ein konstruiertes ist und das all unser Wissen nur ein vorläufiges und damit veränderbar ist. Und auch wenn unsere Begrenzungen durch unsere Wahrnehmung real sind, so können wir doch auch Möglichkeiten zur Veränderung suchen und wahrnehmen. Achtsamkeit und Zeit sind wichtige Ressourcen, um einen Gegenstand umfassend zu betrachten, ihn in seiner Eingebundenheit, seinen Zusammenhängen und Gesamtheit in der Welt zu betrachten und so eine Idee von einer realistischen, anderen Wirklichkeit zu bekommen. Deshalb kann man im Kampf gegen Unterdrückung durch Achtsamkeit und kritisches hinterfragen schon da anfangen, wo es jeden selbst betrifft, an der eigenen Leiblichkeit!

 

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Weiterführendes Wissen:

-Eine kleine Achtsamkeitsübung. Wisst ihr wo in eurer Nähe der nächste Defibrillator ist? Nein? Dann achtet mal auf das Symbol mit dem grünen Herz und informiert euch, wie man so ein Ding einsetzt. Dann werdet ihr die Defis in Zukunft auch vermehrt wahrnehmen.

 

 

-Wie man Erkentnisse der Hirnforschung sinnvoll in die Pädagogik integrieren kann, ist Gegenstand der "Neuropädagogik". Der Begriff wird allerdings noch oft missbraucht um angeblich effiziente Methoden besser vermarkten zu können. Ebenso ist es mit der NLP (Neurolinguistische Programmierung). NLP behauptet, dass man sein Gehirn nur trainieren müsse um es nach belieben zu formen. Obwohl einige Achtsamkeitsübungen der NLP sicherlich sinnvoll sind, ist es unwissenschaftlich und Subjektivistisch zu behaupten, man könne all seine Probleme nur dadurch lösen, dass man genug sein Gehirn trainiert. Das entspricht dem Mythos: Du kannst alles erreichen, wenn du nur willst. Der Mensch darf aber nicht nur auf sein Gehirn reduziertverden

 

 

-Ein mittlerweile sehr bekanntes Beispiel für die Konstruktionsfähigkeit unseres Gehirns. Blau oder Gold?

http://m.focus.de/kultur/mode/dressgate-in-deutschland-blau-schwarz-oder-weiss-gold-hier-koennen-sie-das-streifenkleid-in-echt-sehen_id_4529902.html

-Doku Intelligenz...was Intelligenz ist und was Unterdrückung im Gehirn von Kindern anrichtet. Die Synapsen verkümmern und die Fähigkeit zu denken wird ein Leben lang beeinträchtigt.

http://www.3sat.de/page/?source=/wissenschaftsdoku/sendungen/175430/index.html

 

 

-Beispiele aus der Tierwelt. Schlangen nehme wärme und kälte optisch wahr, Vögel orientieren sich am Magnetfeld der Erde, Fledermäuse bewegen sich mithilfe von ultraschall, andere Tiere sind sensibel für Radioaktivität. Diese Dinge sind Teil unserer Welt, aber wir können sie nicht so wahrnehmen wie Tiere.

 

 

-Auch psyschiche Krankheiten und Störungen der Wahrnehmung zeigen, wie zerbrechlich unsere Wirklichkeit ist. Menschen die Stimmen hören, hören sie tatsächlich. Denn das Gehirn erzeugt die Stimmen und macht sie damit für diese Menschen zur Wirklichkeit.
Weitere Beispiele in Geo-Kompakt, Nr. 36 Unsere Sinne. 


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Befreiungspädagogik VI

 

Unterdrückung und Geschlecht

 

 

Liebe consolewarsler, consolewarslerinnen und consolewarsx,

 

hattet ihr das auch schonmal, dass ihr einen Menschen gesehen habt, wo ihr nicht wusstet ob, ob er Mann oder Frau ist?

 

Sowas verwirrt und verunsichert. Man fragt sich was jetzt falsch ist? Liegt es an der anderen Person oder liegt es doch vielmehr in unseren Köpfen. Wir haben beigebracht bekommen, dass es Mann und Frau gibt und das man diese deutlich voneinander unterscheiden kann.

 

Das Konzept des Gender-Mainstreaming aber hinterfragt dieses Geschlechterbild und sorgt damit auf der einen Seite für viel Zustimmung und auf der anderen Seite für viel Unverständnis.

 

 

Bei der Genderdebatte gibt es zwei große Missverständnisse. Die einen sagen, Geschlecht sei doch in jedem Fall für alle deutlich sichtbar. Mann und Frau werden geboren wie sie sind und daran lässt sich nicht rütteln. Die anderen sagen, Geschlecht ist ein reines gesellschaftliches Konstrukt, dass sich nach belieben ändern lasse. Wenn diese beiden Extreme aufeinanderprallen, ist keine konstruktive Kommunikation mehr möglich. Denn beide Seiten verstehen sich gegenseitig nicht und reden aneinander vorbei.

 

 

Das dialektische Geschlecht


Dabei ist es gar nicht allzu schwer zu verstehen. Denn Gender- Mainstreaming geht von einem dialektischen Menschenbild aus. Der Mensch ist Objekt und Subjekt zugleich!

 

 

Objekt bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Mensch mit seinem Körper so geboren wird, wie er ist. Jeder Mensch wird mit bestimmten körperlichen Merkmalen geboren. Dies ist eine objektive Tatsache, die greifbar und anfassbar ist.

 

 

Jetzt kommt aber das Subjekt Mensch ins Spiel. Der Mensch hat irgendwann mal beschlossen, den Körpermerkmalen Namen zu geben. Da bestimmte Körpermerkmale öfter vorkamen als andere, trennte man die Menschen nach Geschlechtern. Aus der subjektiven Beschreibung des objektiv sichtbaren entstanden der Mann und die Frau.

 

Geschlecht ist also Objekt und Subjekt zugleich.

 

 


Die Unterdrückung des Geschlechtes

 

Im Laufe der Zeit hat der Mensch diese Kategorien verinnerlicht und beschlossen, dass jemand der Mann ist bestimmte körperliche Eigenschaften aufweisen muss (Geschlechtsorgane, Bartwuchs, Gesichtsform, usw.) und dass jemand der eine Frau ist, bestimmte andere körperliche Merkmale aufweisen muss ( Geschlechtsorgane, Brust, Gesichtsform,etc.).

 

 

Doch dabei machte der Mensch nicht halt. Die zu erwartenden körperlichen Merkmale wurden um zu erwartende soziale Merkmale ergänzt. So hatte der Mann stark zu sein und durch seine Arbeit die Familie zu ernähren. Die Frau hingegen musste sich um Haushalt und Kinder kümmern.

 

 

So wurden per Regeln und Gesetze bestimmte Privilegien und Nachteile an das Geschlecht gebunden. So vergaß der Mensch, dass es auch anders hätte sein können und dem Mensch wurde die Möglichkeit genommen, selbst über sein Geschlecht zu bestimmen. Jeder hatte das zu sein, was man ihm vorgab sein zu müssen. Wer nicht wollte was er sollte, der war anders und damit irgendwie verdächtig und ein Außenseiter. Die Objektisierung des Geschlechtes.

 

 


Die Befreiung des Geschlechts


Im Kampf um Gerechtigkeit wurden diese starren Bilder über viele Jahre hinweg aufgebrochen. Daraus entstand das Gender-Mainstreaming, was nichts anderes ist als die Wissenschaft von der Gleichberechtigung der Geschlechter. Den Menschen soll die Selbstbestimmung über ihr Geschlecht wieder in die eigenen Hände gegeben werden. Niemand anderes soll über das Geschlecht bestimmen dürfen als der betroffene Mensch selbst. Niemand soll aufgrund seines Geschlechtes oder seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden.

 

 

Denn mittlerweile weiß die Wissenschaft auch, dass die Sache mit den Geschlechtsmerkmalen nicht immer so deutlich ist, wie man im Alltag meinen könnte. Merkmale der Intersexualität, d.h. Menschen die sowohl weibliche als auch männliche Zuschreibungen besitzen, sind gar nicht mal selten. Außerdem wurde festgestellt, das die sexuelle Orientierung in den allermeisten Fällen angeboren ist. Durch medizinische Eingriffe kann mittlerweile das Geschlecht sogar umgedreht werden.

 

 

Das alles verunsichert natürlich alte Bilder von Geschlechterrollen und verändert eine Gesellschaft massiv. Diese Veränderungen machen es deutlich öfter notwendig, über die eigenen Rollenbilder und den Umgang mit Geschlecht nachzudenken. Gerechte Regeln müssen neu diskutiert werden. Aber es bleibt dabei, weder darf das eigene Geschlechterbild eines Menschen, noch darf der Mensch aufgrund der Geschlechterbilder anderer unterdrückt werden. Demokratie und Menschlichkeit sind unabhängig von Geschlecht, jedenfalls sollten sie das sein! 

 

 

 

PS. Gender Mainstreaming hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, Schrift und Sprache von 'männlicher Dominanz' zu befreien und eine (Geschlechter)gerechte Sprache zu entwickeln. Eine historisch gewachsene Sprache zwangsweise zu verändern ist ein schwieriges Unterfangen, über das durchaus diskutiert werden kann. Dieses Anliegen ist durchaus berechtigt und in einigen Dingen sicher durchaus sinnvoll, da über Sprache auch Bilder und Vorstellungen transportiert werden. Dennoch darf man natürlich auch die Frage stellen, ob das wirklich in jeder Situation notwendig ist. Gender-Mainstreaming sollte aber auf keinen Fall auf Schrift und Sprache reduziert werden.


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